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Vorgeschichte

Am 10.1.2005 bestand ich mein Erstes Staatsexamen in Berlin. Am 15.1.2005 war meine Beziehung endgültig im Arsch – obwohl ich das, wie jeder Kerl, natürlich erst sehr viel später realisierte. Und wie jeder in Beziehungssachen leicht retardierte Kerl, kam ich zu dem glorreichen Gedanken, das ich nur näher an meine Ex heran müßte, und alles würde sicher „wieder“ gut werden. Also bewarb ich mich im Süden Deutschlands für mein Referendariat und wurde vom Oberlandesgericht (OLG) Nürnberg sofort angenommen und eingestellt. Mir blieben also noch 4 Wochen, um meinen Umzug nach Franken zu gestalten. Ich fand letztendlich eine wunderschöne Wohnung in einem 40-Seelen-Dorf in der Nähe von Rothenburg o.d.T., 80 qm, 2 Zimmer plus grosse Wohnküche, mit herrlichem Feldherrenhügelblick über das westliche Mittelfranken. Mein ewiger Kumpel und Umzugspartner Rene half mir beim Umzug vor Ort. Als wir von der Autobahn runterfuhren und in das Nachbardorf meiner zukünftigen Wohnung fuhren, runzelte er zunehmend die Stirn und meinte: Du, sag mal...dein Ort ist aber nicht ganz so tot oder ? Ich grinste vor lauter Vorfreude und sagte : Nein ! Mein Ort ist noch viel kleiner. Als wir dann vor dem Haus auf der Kuhwiese standen packte er mich an den Schultern, schaute mich mit diesem irren Mr. Hyde-Blick an und sagte: Alter, das überlebst Du nie hier !


Der Anfang

Am 1. April (welch Scherz) begann mein Referendariat. Ich sollte morgens im Amtsgericht Ansbach (Zivilabteilung) erscheinen. Dort traf ich auf der Geschäftsstelle meine erste Kollegin, Mela. Ich war echt happy, dass ich sie getroffen hatte und zwar einmal, weil ich so zumindest einen hatte, mit dem ich danach zum Empfang nach Nürnberg fahren konnte und zum zweiten, weil sie auch echt nett war. Eine meiner größten Ängste vor dem Wechsel nach Bayern war, dass ich dort noch viel grössere Juristen-Arschlöcher treffen würde, als in Berlin an der Uni, denn die bayerische Juristen-Ausbildung wird in Deutschland allgemein als die umfassendste und härteste angesehen. Ich sollte mich, zum Glück, geirrt haben. Mit Mela zusammen gings dann zum Richter, der uns vereidigte. Danach nahm mich Mela mit nach Nürnberg, wo wir im OLG vom bayerischen Staatsminister der Justiz und vom Präsidenten des OLG mit den anderen Referendaren meines Jahrgangs empfangen wurden. Mann, das OLG ist der Hammer. Einmal siehts echt schmuck aus – und zum Anderen erdrückt einen am Anfang ja auch etwas der Gedanke, dass man jetzt im selben Hause ausgebildet wird,in dem 1945/46 die NS-Kriegsverbrecherprozesse stattgefunden haben. Wir wurden im Königssaal empfangen. Wahnsinn. Wenn ich da an die Veranstaltungen in Berlin denke...kein Vergleich. So wie im Übrigen die ganze Ausbildung und überhaupt das Leben im Freistaat. Nach zwei Jahren in Bayern hab ich mich von einem ecten sturen Preussen zu einem absoluten Bayernfan entwickelt, hier klappt einfach alles und die meisten Menschen sind dazu auch noch hilfsbereit und freundlich.


Das Amtsgericht Ansbach

Die ersten 6 Monate verbrachte ich bei einem Zivilrichter am Amtsgericht. Bereits am ersten Tag war klar, dass ich bei einem juristisch sehr kompetenten Menschen gelandet war, der so ungefähr den Humor einer westsibirischen Steppenlandschaft hat. Besonders beliebt war mir seine wöchentliche Fragestunde – ich durfte mich dann vor seinem Tisch aufstellen und er nahm mich juristisch in die Mangel. Es dauerte einige Zeit, bis ich das zu schätzen lernte, aber am Ende muss ich sagen, dass mir diese Stunden mit reichlich Arschwasser ne Menge gebracht haben. Das Ganze endete damit, dass ich zum Ende meiner Zeit eine Sitzung allein leiten musste. Am Ende brachte ich beide Parteien dazu, einen Vergleich zu schliessen. Mir ging wirklich die Pumpe, so in Robe und mit weissem Kragen zu verhandeln, während man weiss oder zumindest denkt, dass die beiden Anwälte da vor einem wesentlich mehr Ahnung und natürlich Erfahrung haben, als man selbst. So schlecht kann ichs letztendlich allerdings nicht gemacht haben, denn ich bekam sowohl von meinem Ausbilder, als auch von den Anwälten reichlich Lob. Am Amtsgericht lernte ich auch irgendwann im April Toni kennen. Antoinette war Justizwachtmeisterin im Amtsgericht – und der beste Beweis, dass ich zu den Männern zähle, die absolut nicht beim Anblick uniformierter Frauen abgehen wie Schmidt`s Katze. Aber gut, vielleicht liegt das ja auch am schicken olivgrün, auch diarrhoe-farben genannt...Wir trafen uns recht regelmässig nach der Arbeit und dank ihr kam ich auch in einige echt coole Läden, die man so auf dem Land nicht erwarten und schon gar nicht finden würde. Leider eröffnete mir Madame dann, das sie zu den Frauen gehöre, bei denen im ersten Jahr der Bekanntschaft eigentlich nix laufen würde;sie wolle halt immer erst den Typen genau kennenlernen. Ich dachte mir, das dagegen zwar grundsätzlich nix einzuwenden wäre, aber andererseits hatte ich aufgrund meiner Erfahrungen mit Frauen wenig Interesse daran, ein Jahr lang einer Frau hinter her zu rennen ohne zu wissen, ob daraus was wird. Als das Ganze dann noch so lief, dass bei jedem unserer Treffen irgendeine ihrer Freundinnen mit Kind dabei war und sich die Gespräche immer nur um die gemeinsamen Schulerlebnisse drehten und ich nebenher dackelte, sprach ich sie eines abends an, ob sie wirklich denke, dass sie mich so kennen lerne werde oder ob sie nur checken wolle, ob ich jeden Scheiss mitmachen würde. Nun ja, das weitere Gespräch verlief etwas „emotional“ und das weitere Ergebnis waren 5 9 entspannte Monate, in denen wir uns täglich auf Arbeit sahen und nicht mehr miteinander sprachen. Herrlich. Selbstverständlich hatte sie drei Wochen später nen neuen Freund – nun, der muss ja dann schon seit 2004 mit ihr abgehangen haben....Schliesslich war mir, im Nachhinein betrachtet, aber auch hier wieder das Schicksal hold, denn da war ja noch


Sarah


Sarah und ich kannten uns vor meinem Umzug nach Bayern schon seit einem Jahr. Und im Gegensatz zu meinen Freundinnen während dieser Zeit, war sie immer für mich da – und das ist um so krasser, als das sie in mich verliebt war und sich ständig meinen Terz mit meinen Freundinnen anhören musste ohne jemals Druck zu machen oder sich bei mir zu beschweren. Trotzdem hätte ich jederzeit kategorisch ausgeschlossen, das aus uns nochmal was wird; irgendwie war ich immer der „sofort-oder-gar-nicht“-Typ. Kurz nach meiner Ankunft im Frankenland war sie der erste Mensch, der mich hier besuchte. Im Sommer war sie dann mit Tinchen da – und blieb noch drei Wochen länger. Danach telefonierte ich mal wieder mit Sarah`s Mutter und diese sagte: Mensch, die Sarah ist so glücklich, dass ihr jetzt doch endlich ein Paar seid. Ich muss zugeben, dass ich das bis zu diesem Moment nicht wusste. Nun, so kann das manchmal auch laufen – und Leute, ich glaube wirklich, dass das die einzige richtige Entscheidung in Sachen Liebe in meinem ganzen Leben war, dass ich mich dann darauf eingelassen hab. Bei Sarah hab ich im Verlauf der letzten Jahre alles das gefunden, was ich immer gesucht, aber nie vorher bekommen hab – Partnerschaft, Treue, Zuverlässigkeit, Ruhe, Harmonie....die Liste der positiven Dinge könnte endlos weitergehen.


Fussball

Im Sommer 2005 fand zum – bisher letzten Mal – die Fussballmeisterschaft der Rechtsreferendare in Bayern statt. Jeder Jahrgang sollte zwei Teams stellen, Spielort war das Siemens-Stadion in Erlangen und der Preis war ein Wanderpokal, den irgendein OLG-Präsident in den 60ern gestiftet hatte. Das Ganze hat wohl sehr viel mit Prestige zu tun, jedenfalls hat man dabei reichlich Zuschauer. Als ich an dem Tag im Stadion ankam, mussten wir feststellen, dass die erste Mannschaft unseres Jahrgangs sich schon komplett formiert hatte. Mir blieb also, in einer Mannschaft mit zu spielen, die bestenfalls aus Freizeitfussballern bestand. Dazu kam noch als einzige teilnehmende weibliche Referendarin Kerstin, die zumindest mal in der damaligen DDR im Frauenfussball gespielt hat. Vor unserem ersten Spiel gegen den ungeschlagenen Vorjahressieger meinte mein verehrter ausbildender Richter (von dem noch die Rede sein wird), wir hätten keine Chance. Ich hingegen setzte mich mit meinen Mitspielern zusammen, wurde zum Kapitän ernannt und sagte, was wir tun würden: ich würde den Spielmacher an die Kette legen, Jürgen würde das Tor machen, wir würden gewinnen. Simple Sache. Der Herr Richter fand das putzig. Nun, wir gewannen 2:0. Am Ende hatte Jan auch noch eins gemacht. Das war ein erstes Achtungszeichen. Im zweiten Gruppenspiel schafften wir in letzter Minute ein 3:3 und standen in der nächsten Runde, während der Titelverteidiger bereits sang- und klanglos draussen war. Im Viertelfinale siegten wir 1:0, weil Jürgen langsam zur Topform auflief und sich auch nicht von einer angebrochenen Nase abhalten liess. Im Halbfinale gelang mir in der Nachspielzeit der Verlängerung der Ausgleich zum 1:1. Im folgenden Elfmeterschiessen verwandelten ich, Jürgen und Jan sicher, bevor Kerstin uns mit ihrem Elfer ins Endspiel schoss. Im Endspiel schliesslich erzielte wieder Jürgen den Siegtreffer zum 1:0. Danach, ich geb es zu, zeichnete ich mich nur noch durch Zeitspiel aus, weil ich mittlerweile kaum noch einen Fuss vor den anderen setzen konnte. Als es zur Siegerehrung kam, rief der Herr Richter mich als Kapitän zur Pokalübergabe. Aber ich hatte noch ein As im Ärmel: Wochen vorher bereits hatte Kerstin böse Sprüche en masse ernten müssen als einzige Frau. Also ging ich zum Mikro und sagte, dass es mir leid täte, denn ich wäre nicht der Kapitän des Teams, sondern Kerstin. Unter grossem Jubel nehm Kerstin den Pokal entgegen. Unglaublich. Ich hätte nie gedacht, dass wir auch nur einen Punkt holen. Selbstverständlich hab ich das keinem gesagt....


Die Arbeitsgemeinschaften


Neben der praktischen Ausbildung, in der man alle paar Wochen die Stelle wechselt, hat man im Referendariat noch zusätzlich so eine Art „Berufsscule“, die Arbeitsgemeinschaften. Und der Ausbilder, den ich bekam, der muss irgendwann auch mal Ausbilder bei den US-Marines gewesen sein. Schaut Euch Full Metal Jacket an und ihr kennt meinen Ausbilder. Jeden Morgen hatte ich den Schlüpfer voll. Ich hasse es, im Unterricht rangenommen zu werden und bei ihm kam man statistisch gesehen alle drei Minuten ran. Jeden Tag 5 Stunden Unterricht, ständig blossgestellt vor allen. Und der Typ kannte schn am ersten Tag die Gesichter, die Namen UND die Lebensgeschichte aller 72 Referendare auswendig. Das lief dann so: Eine Frage wird gestellt, bzw. ein Satz angefangen und nicht vollendet, dann wie ein Peitschenhieb mein Name, ich stammele und stottere mir irgendeinen garstig falschen Stuss zurecht, ernte den grimmigsten aller Blicke und den Spruch „in Berlin macht man das vielleicht so, aber hier in Franken arbeiten richtige Juristen“.....Und soll ich Euch was sagen ? Ich liebe diesen Typen. Jeder von uns wird mit Sicherheit einen Job annehmen, bei dem wir verantwortlich sind für die Interessen anderer Menschen. Ob als Richter, Staatsanwalt, Anwalt, Syndikus oder Politiker – immer wird es zu einem Grossteil von uns abhängen, wie es anderen in Zukunft ergeht. Und da halte ich es einfach nicht für angemessen, wenn man uns ständig mit Samthandschuhen anfasst. Und vor allem eines – der Kerl war korrekt. Bei dem gabs keinen, der aufgrund seiner Oberweite oder seines Aussehens bevorteilt wurde. Letztendlich hab ich bei dem Typen Jura gelernt – auf die harte Tour.
Als wir dann später im Jahr Strafrecht hatten, liefs ganz anders. Ich hatte einen relativ jungen Richter – und der hatte einen Narren an mir gefressen, Gott weiss warum, der hielt mich für den absoluten Überflieger im Strafrecht. Zum ersten und wahrscheinlich letzten Mal erfuhr ich, wie das wohl immer für die ganzen Streberwichser in der Schule war, die ich immer so verachtet hab. Egal, was ich für nen Schrott sagte im Unterricht – er legte es mir zur Not als tolle Idee oder guten Ansatz aus. Naja, mir wars peinlich, aber die 12 Punkte auf dem Zeugnis nehm ich gern mit.


Die Staatsanwaltschaft


Im Herbst erfolgte dann der Wechsel in die Strafrechtstation. Ich wurde der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Ansbach zugeteilt. Auch in Rothenburg gibt es eine Zweigstelle des Amtsgerichts Ansbach. Alle Fälle, die in Rothenburg und Umgebung stattfinden, werden dort verhandelt, solange sie der Zuständigkeit des Amtsrichters unterfallen. Das ist besonders schön für die zuständigen Staatsanwälte, die dann extra für diese Verhandlungen nach Rothenburg raus dürfen. Nach einer Woche war ich zum ersten Mal bei einem Sitzungsdienst in Rothenburg mit meinem ausbildenden Staatsanwalt. Nach zwei Sitzungen teilte er mir mit, dass er seine Tochter von der Schule abholen müsse und dass ich ihm einen Riesengefallen tun könnte, wenn ich die Nachmittagssitzungen übernehmen könnte. Ich hatte 40 Fieber, war total unvorbereitet und dementsprechend glücklich. Aufgrund meines Fiebers hatte ich zum Glück kein Lampenfieber. Zur Erklärung: normalerweise soll ein Referendar zum Ende der Stationszeit eine Sitzung unter Aufsicht des Ausbilders selbst leiten. Ich leitete bereits am ersten Tag drei Sitzungen ohne Aufsicht und gleich in meiner ersten Sitzung erschien der Angeklagte nicht, so dass ich meinen ersten Vorführungshaftbefehl erlassen durfte. Mein Staatsanwalt war nach Rücksprache mit dem Strafrichter so überzeugt von meiner Arbeit, dass ich für den Rest meiner Zeit bei der Staatsanwaltschaft sämtliche Verhandlungstage in Rothenburg alleine machen durfte, ob nun Erwachsenen- oder Jugendstrafrecht, Diebstahl, Betrug, Unterschlagung, Beleidigung, Nötigung, Körperverletzung, Verstösse gegen das Btm- und Waffengesetz, Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen, Trunkenheitsfahrten oder falsche Verdächtigung – die ganze Palette. Ergebnis waren am Ende über 90 Verhandlungen, dabei 26 Haftstrafen und insgesamt 73 Verurteilungen. Zum Schluß rief mich der leitende Oberstaatsanwalt von Ansbach an und dankte mir ausdrücklich für die Unterstützung der Behörde. Als Belohnung erteilte er mir die Erlaubnis einen „grossen Fall“ vor dem Landgericht zum Abschluss meiner Zeit verhandeln zu dürfen. Mit 40 Zuschauern, einer Anklage wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung, 4 Angeklagten und 7 Zeugen hatte ich dann eine 8 ½ stündige Verhandlung. Ich denke trotz extremer Nervösität zu Beginn habe ich meine Sache ziemlich gut gemacht – und ein Erlebnis wars allemal. Die Strafrechtsstation war insgesamt mit Abstand der geilste Abschnitt in der Ausbildung. Wann hat man sonst schon die Gelegenheit andere Menschen mal so richtig rund zu machen....;-)


Trinkversuch


Im Dezember fand der halbjährliche legendenumrankte Trinkversuch für angehende Richter, Strafverteidiger und Staatsanwälte im gerichtsmedizinischen Institut der Uni Erlangen statt. Dabei treffen sich Referendare zum Saufen auf Kosten des Freistaates, um genug Erfahrungen mit Alkohol zu sammeln, damit man mit den Lügengeschichten besoffener Mandanten und Angeklagter besser umzugehen weiss. Das läuft dann so ab, dass einem von morgens bis zum Nachmittag sowohl in medizinischer als auch in juristischer Hinsicht nochmals das Wichtigste zum Thema Alkohol und Drogen eingetrichtert wird. Danach muß man seine Grösse, sein Gewicht etc. angeben und das Trinkziel. Wir haben – nach Anhörung der Vorlesung – alle das Ziel 0,5 Promille angegeben. Ausserdem muss man sich entscheiden, ob man Wein oder Bier trinken möchte. Danach wird dann für jeden errechnet, wieviel Wein bzw. Bier er trinken muss, um auf 0,5 Promille zu kommen. Bei mir war das 1 Liter Bier, den ich innerhalb der nächsten Stunde trinken sollte. Wir gingen dann in das Gewölbe und jeder bekam seine Getränke und ein Atemluftkontrollgerät, um selbst herauszufinden, wie stark das Ergebnis der Atemluftkontrolle von der später durchzuführenden Blutprobe abweicht. Nun hatten alle eine Stunde Zeit, die errechnete Menge an Alkohol zu sich zu nehmen. Schnell fanden wir heraus, wie man die Pustegeräte manipulieren kann und ich schzaffte den Rekord – mit 18,34 Promille Atemluftalkoholanteil....Nach einer Stunde mussten wir alle zur Blutprobe und danach gabs Leberkässemmeln für alle. Um das Ergebnis, was wir zwei Tage später erhielten vorweg zu nehmen: ich war nach meinem Liter bayerischem Bier so angelötet, als hätte ich gefühlte 2 Promille. Jedenfalls wär ich im Leben so nicht mehr gefahren. Die Blutprobe ergab 0,5 Promille. Ich hätte also nach geltendem Recht noch fahren dürfen !!! Seitdem bin ich strikter Fan der 0,0-Promille-Grenze – und wenn jemand mit 1,2-Promille im Blut hinterm Steuer erwischt wird und mir erzählen will, er hätte nix gemerkt, dann glaub ich ihm das erstens nicht und zweitens weiss ich, er ist Alkoholiker. Denn mit 1,2-Promille im Blut weiss der normale Bürger nicht mal mehr, wie ein Auto aussieht....
Nach dem Essen durften wir weitersaufen, bis der Vorrat weg war (was recht schnell geschah). Ich persönlich wollte mich aus leidvoller Erfahrung mal zurückhalten, da ich kein gesteigertes Interesse daran hatte mich zum Appel zu machen. Allerdings schienen viele meiner Kollegen da weniger Hemmung zu haben. Zum Beispiel konnte ich genüsslich beobachten, wie eine total breite Melly (mit der ich BIS ZU JENEM ABEND eher wenig zu tun hatte) sich von unserem absolut unbeliebtesten Kollegen begrapschen liess. Ich überlegte, ob ich sie darauf hinweisen sollte, dass ihr Freund zu hause wartete, doch dann dachte ich, hey, wir sind alle erwachsen. Als der Stoff ausging beschloss man, in die nahegelegende Taverne umzusiedeln. Ich war recht scnell aus dem Gewölbe heraus, da ich bei dem Zustand der Kolonne etwas bedenken wegen der schmalen Treppe hatte – meine Kollegen erschienen mir zu breit....
Oben stand ich im heftigen Schneetreiben und qualmte so vor mich hin, als auf einmal Melly aus der Tür geschossen kam und mir in die Armee torkelte. Dabei fragte sie mich lallend (sogar unter Nennung meines richtigen Namens), ob ich nicht die Nacht bei ihr verbringen wolle, und sie äußerte den starken Wunsch, auf der Referendarsfahrt nach Budapest mit mir nackt in einem Whirlpool voll Champagner zu baden und es solange zu treiben, bis man die Mauer wieder aufbaut. Nun, ich realisierte die Chance auf einen Freifick, liess sie verstreichen und forderte stattdessen Conny auf, das Handy von Melly zu nehmen und deren Eltern zwecks unverzüglicher Rettung zu kontaktieren. Während dessen war besagter Grapscher-Kollege neben mir aufgetaucht, beschwerte sich, dass ich ein Arschloch wär, besoffene Mädchen anzubaggern und pöbelte mich dauernd an. Ich teilte ihm mit, dass ich gerade meine Hände zu voll habe, um ihm eine angemessene Antwort zu geben – als auf einmal Jens-Uwe auftauchte, seines Zeichens ehemaliger Juniorboxmeister und mir das Problem abnahm – den Grapscher, nicht Melly...
Schliesslich setzten sich Jens-Uwe und ich, Melly in der Mitte untergehakt und Conny Richtung Bahnhof in Bewegung, wo ihre Eltern sie abholen sollten. Mittlerweile befanden wir uns im heftigsten Schneetreiben und es war arschkalt. Am Bahnhof angekommen bekräftigte Melly ihr Vorhaben noch eine Runde Rudelbumsen zum Abschluss des Abends zu absolvieren, bevor sie mir auf Hose und Schuhe kotzte. Danach fiel sie konsequenterweise in Ohnmacht. Freunde, 46 kg Lebendgewicht können auf Dauer extrem schwer werden. Jedenfalls wechselten wir drei uns im Halten des lebendigen Leichnams ab. Nach 80 Minuten im Schnee begann Melly extrem auszukühlen, so dass wir beschlossen, dass wir nicht auf Rettung durch Mellys Eltern warten konnten. Wir riefen Jens-Uwes Freundin an, die 20 Minuten später erschien. Melly wurde dann mit zu Jens-Uwe verfrachtet. Da ich trotz allem noch beschloss, den anderen in die Kneipe zu folgen, erlebte ich leider nicht mit, wie Jens-Uwe zuhause noch den Notarzt rief und der Freund von Melly am nächsten Morgen auskreiste, als er seine Freundin beim Abholen in Jens-Uwes Bett fand.
Wie großartig meine Idee war, jetzt noch in die Kneipe nachzukommen, wird jeder wissen, der mal die Erfahrung gemacht hat, zu spät und stocknüchtern zu einem Besäufnis zu erscheinen. Während Christoph krampfhaft versuchte, mich in ein zugleich extrem einseitiges und stark polemisches Gespräch über die Cannabis-Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zu verstricken, durfte ich mit ansehen, wie sexy Dana am Nebentisch mit dem Krankenpfleger, der uns das Blut entnommen hatte, nun auch sämtliche anderen Körperflüssigkeiten zu untersuchen begann und mir der neben mir sitzende, seit Jahren in Dana verliebte Thomas alle 2 Minuten heftigst auf die Schulter schlug um mir, mitzuteilen, er hätte noch nie was von Dana gewollt und das mache ihm gar nix aus. Kurze Zeit und drei Tequilas später rutschte Thomas vom Barhocker und blieb konsequenterweise zum Bezahlen gleich unterm Tisch, was aber auch niemanden mehr störte. Der Abend endete für mich schliesslich damit, dass ich mich im verschneiten Erlangen auf der Suche nach der Wohnung von Lutz und Christina, bei denen ich Unterschlupf finden konnte, verlief.


Die weiteren Stationen


Nach der Staatsanwaltschaft war ich 5 Monate bei der Stadt Rothenburg direkt dem Rechtsdirektor und stellvertretenden Bürgermeister unterstellt. Da wir mitten im Wahlkampf waren, konnte ich meine Zeit damit verbringen, im Stadtarchiv zu stöbern und bei den Stadtratssitzungen in meiner Traumwelt zu schweben und mir vorzustellen, wie es in demselben Raum wohl zur Zeit des 30-jährigen Krieges abgegangen sein musste – Wahnsinn. Für einen Geschichtsfan und Stöberer in alten Gemäuern wie mich echt ein Traum. Danach war ich beim Verwaltungsgericht Ansbach und durfte mich um beantragte und verweigerte Namensänderungen deutscher Umsiedler kümmern – sauspannend....
Zum Schluß war ich bei einer Rechtsanwältin für die ich alle Arbeiten machte, auf die Madame keinen Bock hatte – und das war ne Menge. Monatelang versicherte sie mir, ich könne wahrscheinlich nach meinem Examen bei ihr anfangen, ich erledigte alle Mandate selbständig, nie hatte sie was zu beanstanden – und dann bekam ich einen Brief, in dem sie mir mitteilte, mein Arbeitseifer hätte merklich nachgelassen und sie würde mich bis zum Ende meines Referendariats freistellen. Nun gut, ehrlich gesagt, abgesehen von der Wut über diese Unverschämtheit war mir die Freistellung ganz recht, da ich zu diesem Zeitpunkt für das Mündliche lernen musste. Da ich bis heute noch kein Arbeitszeugnis habe und davon ausgehe, dass ich bestenfalls ein total unangemessenes Zeugnis kriegen würde, hat sie jetzt noch Zeit bis zum 15.5. Danach werde ich Klage erheben und ich freu mich sogar ein bisschen drauf, denn ich bin mir sicher, dass ich bei gegebener Sachlage das Ding heroisch gewinnen werde.


Budapest


Ende März 2006 machten sich dann 42 von uns auf die Reise nach Budapest, um dort etwas über unser neues EU-Mitglied zu erfahren. Den ersten Flash bekam ich auf der Fahrt mit dem Bus vom Flughafen ins Zentrum Budapests – man, da siehts ungefähr genau so aus wie in der DDR zur Zeit der Wende. Insgesamt spürt man in Budapest, dass das Land in Aufbruchstimmung ist, zumindest in der Hauptstadt. Bemerkenswert die grosse Ansammlung von deutschen Firmen in Budapest – man stößt auf Schritt und Tritt auf Sparkasse, Telekom und Konsorten. Das Zentrum Budapests erinnert mich irgendwie an Paris, es gibt ein unglaubliches Nachtleben und im Gegensatz zu Orten wie Malle oder Ibiza ist das Ganze wesentlich billiger und wilder. Wir hatten Verabredungen im ungarischen Parlament, im Verfassungsgericht, in zahlreichen Anwaltskanzleien, in der Universität, in einem Militärgefängnis (dort durfte ich drei Minuten in der dunklen Gummizelle verbringen und Leute, ich hab jetzt echt Respekt davor...) und vielen anderen Dingen. Aber natürlich waren letztendlich die Freizeit und vor allem die Nächte der Hammer. Stellvertretend für eine rockige Woche sei nur die Story meiner letzten Nacht erzählt. Mein Saufbruder Seong, ich, und der Rest der Baggage waren mit reichlich Bier und Wodka/Red Bull im Gepäck abends auf dem Buda-Berg. Aber irgendwie wollte der Partyfunke nicht so recht überspringen. Also beschlossen wir angesichts der frühen Abreise am nächsten Morgen zurück zum Hotel zu wandern. Als wir dann nach ca. 3 Stunden gerade mal gefühlte 2,80 m zurück gelegt hatten, weil die Führungsgruppe sich über die Richtung nicht einig wurde, wurde es dem Verfasser zu bunt. Alkohol ist ein wahnsinnig guter Berater, also reifte in mir der glorreiche Plan, eine Abkürzung zu nehmen...Nun, man sollte dem geneigten Leser noch einmal in Erinnerung bringen, das Budapest nicht umsonst den Ruf des Bangkoks Osteuropas besitzt. Budapest downtown ist um 2 Uhr morgens eine Gegend, die einen einsamen, nicht ortskundigen Wanderer durchaus etwas schocken kann – natürlich nicht, wenn man voll wie ein Öltanker durch die Strassen kreuzt. Als ich um eine dunkle Hausecke glitt, standen auf einmal zwei blutjunge südländische Freudenmädels vor mir und sprachen mich dezent mit den Worten: „Ficken ? Bumsie-bumsie ?“ an. Seltsam, zu was der besoffene menschliche Geist so fähig ist, denn mein erster Gedanke war: Scheisse, Du musst echt deutsch aussehen, wenn die das gleich erkennen. Kurz darauf folgte Gedanke Nummer 2: Na, mein Bester, wenn Du laut „Männer sind Schweine“ von den Ärzten gröhlst, während Du nachts mitten in der Woche durch fremde Innenstädte ziehst, dann machst Du`s den Leuten auch nicht gerade schwer.....nun, Gott seis gedankt, dass ich zu den männlichen Wesen gehöre, die auf Alkohol alles andere als sexuell aktiv reagieren und so verneinte ich höflich und begann eine Art Slalom durch diesen Teil Budapests. Auf meinem Weg wurden mir von der 11-jährigen (kein Scherz !) bis zur reifen Mama wirklich alle Arten von „Freuden“ angeboten, inklusive so ziemlich jedem Wundermittel, welches der geneigte Abenteurer sich nur wünschen mag. Schliesslich kam ich an einer „Gaststätte“ vorbei und wunderte mich noch, dass rechts von mir zwischen Gehweg und Strasse ein hoher Gitterzaun begann. Natürlich dachte ich mir, dass ich dann halt einfach den Gehweg weiterlaufe, aber zack, war vor mir auch ein 3m hoher Gitterzaun. Einen Moment hielt ich mich noch mit einem lauten Fluch über die ungarische Verkehrsplanung auf, dann begann ich den Aufstieg. Man kann sich sicher vorstellen, was für ein Anblick es gewesen sein muss, mich selbst inklusive ca. 1 Promille körperinternen Alkohol über einen Zaun zu hieven, der knapp doppelt so hoch war, wie ich. Nun, der olympische Gedanke erfüllte mich mit hoher Zuversicht. Als ich nach gefühlten 20 Minuten keuchend auf der anderen Seite ankam, drehte ich mich um – und schaute in die grimmigen Gesichter zweier mit Maschinenpistolen bewaffneter Uniformierter. Der Eine schaute mich dann an und sagte: This is no practice area. Der Wahnsinnshumor dieser Aussage wird noch klarer, wenn man bedenkt, dass es sich die beiden Bewacher der amerikanischen Botschaft, in die ich gerade geklettert war, nicht nehmen liessen, mich auf demselben Weg wieder zurückklettern zu lassen. Wenigstens wurde mir noch gesagt, wo die nächste U-Bahnstation ist.
Als ich schliesslich an der U-Bahn ankam, stellte ich natürlich fest, dass dieselbe seit 2 Stunden nicht mehr fährt. Freunde, versucht mal in Budapest den richtigen Bus zu finden. Irgendwann im Morgengrauen stand ich an einem Platz. Neben mir stand ein junger glatzköpfiger Mann. Ich dachte mir, hey, entweder der ist ein Skin und Du bist gleich tot oder er ist ein HipHopper und Du hast Spass. Das Risiko erschien mir kalkulierbar und akzeptabel. Zigaretten wurden verteilt und der junge Ungar erklärte mir in äußerst gebrochenem Englisch, welchen Bus ich nehmen und wo ich umsteigen müßte. Wenige Minuten später stand ich, wiederum verloren, an einem anderen Platz. Auf einmal kam der Kerl wieder an und meinte, er könne auch mit mir fahren und mir sagen, wo ich raus muss, das sei für ihn kein Umweg. Ich nahm das Angebot dankend an, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt damit rechnete meine anale Jungfräulichkeit vielleicht noch an diesem Abend verlieren zu können. Die Busfahrt war der Hammer. Lauter stockbesoffene Ungarn in Partylaune, ich weiss nicht, was die da saufen, aber zumindest war niemand aggressiv. Soviel zum Vergleich mit Deutschland. Mitten auf der Fahrt meinte der junge Kerl dann im breitesten österreichischen Dialekt, wenn ich aus Deutschland käme, dann könnten wir uns besser auf deutsch unterhalten, das spräche er fliessend...nun, den Rest der Fahrt unterhielten wir uns dann über die Probleme der Integration Ungarns in die EU.....ich kam wohlbehalten im Hotel an und musste feststellen, dass ich alleine war -–der Rest der Clique hatte auf dem Weg beschlossen, in einer Disco durchzufeiern....


Crunchtime


Spätestens nach der Referendarsfahrt begann für mich und die anderen die Endphase der Vorbereitung auf das schriftliche Examen im November/Dezember. Als es soweit war, war die Anspannung und der Stress unglaublich gross. In so einem bayerischen Staatsexamen erwarten einen 11 fünfstündige Klausuren in 14 Tagen – eine Klausur pro Werktag. Inhaltlich kann einen bis auf Sozialrecht und Unternehmenssteuerrecht eigentlich alles erwischen – und wir bekamens auch ganz dick. Letztendlich kann ich mich an kaum noch was erinnern, ich hab die zwei Wochen einfach nur funktioniert. Irgendwie hat uns diese Zeit nochmal alle zusammen geschweisst, die Party am letzten Tag war echt erleichternd. Nun blieb nur noch, 5 Monate lang auf die Ergebnisse zu warten.
Am 5.4.07 bekam ich meine Ergebnisse der schriftlichen Klausuren. Im ersten Moment war ich geschockt, denn die Punktzahlen waren lange nicht so, wie ich sie mir aufgrund der Vornoten erhofft hatte. Dann kamen die ersten Anrufe der Kollegen und ich stellte fest, dass ich im Vergleich richtig gut war. Um ehrlich zu sein, ich hab bis heute keine Meinung zu meinem Ergebnis. Eigentlich sollte man sich freuen oder stolz sein, auf das was man erreicht hat, aber ich fühl mich seitdem einfach nur leer. Am 26.4.07 war die mündliche Prüfung. Ich verbesserte mich nochmal um einen ganzen Punkt – und die Mündliche war auch okay, abgesehen von dem Todesstress den sich jeder vorher macht. Aber auch das ging vorbei und das wars.


Fazit


Ich hatte ne wunderbare Zeit in Bayern und es war sicherlich eine hervorragende Entscheidung, mein Referendariat hier zu verbringen. Ich hab ne Menge Erfahrungen gesammelt, ne Menge unglaublich toller Menschen kennengelernt, von denen ich hier stellvertretend nur Kerstin, Jürgen, Sami, Seong, Conny, Marouso, Türkmen und Melly nennen möchte.
Und was wahrscheinlich das Wichtigste ist : ich glaub, ich bin in Bayern endlich erwachsen geworden. Definitiv bin ich nicht mehr der Typ, der im April 2005 hier runtergezogen ist – und ich denke, das war eine Veränderung zum Guten, jedenfalls tut sie mir gut.



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